Nicht zuletzt durch die Sturmkatastrophe "Kyrill" ist die Diskussion über den Klimawandel präsenter denn je. Der Klimawandel lässt sich nicht mehr länger ignorieren, auch wenn Schadenereignisse wie Sturmkatastrophen und Hochwasser auch schon früher über Oberösterreich hereingebrochen sind. "Der große Unterschied ist die Intensität dieser Schadenereignisse", betont Dr. Wolfgang Weidl, Generaldirektor der Oberösterreichischen Versicherung. Dies bestätigen die Aufzeichnungen von Oberösterreichs ältesten Regionalversicherer und der Nummer 1 im Schaden-Unfall Bereich:
Die Schneedruckkatastrophe des Vorjahres war mit einer Schadenssumme von 45 Mio. Euro das bisher größte Schadenereignis in der Geschichte der Oberösterreichischen. Es überstieg das Jahrhunderthochwasser 2002 um mehr als das Sechsfache. Aber auch der Sturm "Kyrill" sprengte die bisherige Dimension von Winterstürmen.
Winterstürme waren schon bisher ein immer wiederkehrendes Phänomen mit lokal zum Teil starken Ausprägungen. So gab es schon in den Achtzigerjahren zahlreiche Stürme mit Schäden in Millionen-(Schilling)-höhe. Bis zum Jänner dieses Jahres war für die Oberösterreichische, die 1952 als erste Versicherung Österreichs die Sturmversicherung auf breiter Basis eingeführt hatte, der Sturm 1990 mit einer Schadenssumme von rd. 25 Mio. Euro der Schwerwiegendste in der Geschichte. Die Schäden von "Kyrill" übersteigen aber nun schon die 30 Mio. Euro Grenze.
"Die Schadenverlaufsstatistik macht deutlich, dass die Katastrophen immer häufiger auftreten und vor allem immer höhere Schäden mit sich bringen. Fanden früher Naturkatastrophen in fünf- bis siebenjährigen Zyklen statt, so kämpfen wir in Oberösterreich nun schon alle zwei bis drei Jahre mit Rekordkatastrophen", fasst Dr. Weidl zusammen.
Dr. Kuhn: Schwere Naturkatastrophen immer häufiger
Dass der Klimawandel zu einer noch weiteren Zunahme der Wetterextreme führen wird, ist für Prof. Dr. Michael Kuhn, Leiter des Institutes für Meteorologie und Geophysik an der Universität Innsbruck ein mehr als wahrscheinliches Szenario: "Für Mitteleuropa nördlich der Alpen wird bis zum Ende unseres Jahrhunderts eine Zunahme der Niederschläge um fünf bis zehn Prozent im Winter und eine ähnlich große Abnahme im Sommer erwartet." Oberösterreich zählt mit seiner Lage am nördlichen Alpenrand zu den niederschlagsreichsten Gebieten Österreichs. "Für Oberösterreich rechne ich daher mit weiterhin hohen Mittel- und Extremwerten bei Schnee und Regen", so der Klimaexperte.
Einzelereignisse wie die Schneedrucksituation 2006 oder das Hochwasser von 2002 bleiben unabhängig von einer langfristigen Abnahme der mittleren Schneedeckendauer. "Sie sind von einzelnen Wetterlagen gesteuert, deren Auftreten von den Druck- und Temperaturverhältnissen des Atlantiks abhängt", erklärt Dr. Kuhn. Seit 1995 hat die Intensität der Wirbelstürme im Nordatlantik zugenommen. Der 4. Bericht des IPCC bestätigt die Zunahme der Westwinde der mittleren Breiten seit 1960. Dr. Kuhn warnt: "Diese Intensivierung der atmosphärischen Zirkulation wird mit einer Verstärkung der Schadenswirkung von Schneedruck und Windbruch einhergehen."
Prof. Dr. Kuhn beschäftigt sich eingehend mit den Folgen dieser Wetterextreme für die Gletscher. Unter anderem arbeitet das Institut für Meteorologie und Geophysik der Universität Innsbruck seit dem Herbst 2006 mit der oö. Firma Blue Sky Wetter zusammen, um den Massenhaushalt des Hallstätter Gletschers und seine Reaktion auf das Klima zu untersuchen: "Die Gletscher des Dachsteingebirges reagieren extrem empfindlich auf Temperatur, Schneefall und Wind. So schätzt man beispielsweise den Nettoverlust der Eisdicke alleine durch den Sommer 2003 auf mehr als 3 Meter."
Auswirkungen von Naturkatastrophen
auf die Oberösterreichische
Katastrophen wie der Schneedruck 2006 und die Sturmkatastrophe Kyrill sind in dieser Dimension in den Planungen nicht kalkuliert. "Dank einer sehr guten Rückversicherung, strategischen Schwankungsrückstellungen und auch dank einer sehr guten Ausnutzung von Folgegeschäften konnte das Schadensausmaß für die Oberösterreichische gering gehalten werden", relativiert Martin Janovsky, Vorstandsdirektor der Oberösterreichischen Versicherung. Insbesondere das Neugeschäft nach der Schneedruckkatastrophe war sehr positiv. So konnten die Neu- beziehungsweise Konvertierungsverträge in dieser Sparte bei den Privathaushalten um 14 %, und bei der Landwirtschaft um 32 % gegenüber 2005 gesteigert werden.
Mit dem Sturm "Kyrill" startet auch 2007 mit einem Schadenereignis mit hohem Schadenausmaß. Mit stärkeren Auswirkungen auf den Gewinn rechnet Martin Janovsky nicht: "Wir kompensieren diese Schadensleistungen durch ein überdurchschnittliches Wachstum am Markt. So sind wir alleine im Jänner 2007 mit rd. 5 Prozent wieder fast um das Doppelte gegenüber dem Wachstumsprognosen des Verbandes gewachsen. 2007 haben wir darüber hinaus als das Jahr der Vorsorge ausgerufen und auch davon erwarten wir uns viel Dynamik im Haus."
Spürbare Folgen zeigt der Sturm vielmehr intern, ergänzt Dr. Weidl: "Ein Sturm wie ‚Kyrill' bedeutet für unsere Mitarbeiter Urlaubssperren und Dienst rund um die Uhr. Während der letzten Wochen bearbeitete unser Haus rasch und unbürokratisch mehr als 20.000 Schadensfälle von Haushalten in Oberösterreich."
Doch auch wenn die Oberösterreichische für Katastrophenfälle bestens gerüstet ist, bleibt der Klimawandel ein ungelöstes Zukunftsproblem für die Versicherungen. "Eine aktuelle Langfriststudie der Swiss Re geht zum Beispiel von einem Schadensanstieg bis 2085 um 16 bis 68 Prozent aus. Es ist derzeit noch nicht absehbar, inwieweit die Rückversicherer diese Schadenszenarien in ihre aktuelle Prämiengestaltung miteinbeziehen. Doch es zeigt sich schon jetzt deutlich, dass das derzeitige Versicherungsmodell weder für Versicherungen noch für die Bevölkerung langfristig tragbar sein wird", resümiert Janovsky.
Zahlreiche Studien bestätigen:
Derzeitiges Risikotransfermodell zukünftig nicht mehr geeignet
Sturm-, Hochwasser- und Schneedruckkatastrophen bedeuten nicht nur das Leid für jeden einzelnen Betroffenen, sondern vor allem auch ein wachsendes wirtschaftliches Bedrohungspotential für die österreichische Volkswirtschaft im Allgemeinen. Forscher in Österreich beschäftigen sich daher eingehend mit dem Risikotransfermodell in unserem Land und analysieren, ob dieses bei einer weiteren Zunahme der Wetterextreme ausreichende Basis bietet.
Aus seinen Analysen zur Hochwasserkatastrophe 2002 sieht Dr. Franz Prettenthaler, Leiter des Grazer Standortes des Institutes für Technologie und Regionalpolitik vom Joanneum Research, Österreich finanziell nur unzureichend auf das steigende Katastrophenrisiko vorbereitet: "Viele verlassen sich im Fall des Falles auf die Unterstützung des Staates. Der Anreiz privat Katastrophenvorsorge zu treffen, ist defakto in Österreich nicht vorhanden, da der Katastrophenfonds Versicherte diskriminiert: Versicherungsleistungen werden vor der Berechnung der Beihilfe aus dem Katastrophenfonds vom Schaden abgezogen."
Zur geringen Versicherungsdichte kommt auch noch eine Unterdeckung der Versicherten hinzu, sodass für viele eine Naturkatastrophe damit zur echten Existenzgefährdung werden kann. Eine Reform des Katastrophenfonds ist daher aus Sicht Dr. Prettenthalers dringend notwendig, nicht zuletzt auch weil der Katastrophenfonds in der jetzigen Form nicht alle Österreicherinnen und Österreicher im geforderten gleichen Ausmaß entschädigt: "Dabei ist der Katastrophenfonds durch seine Finanzierung über das Steuersystem defakto schon jetzt eine ‚Quasi-Pflichtversicherung'", kritisiert der Experte. Dr. Prettenthaler plädiert für eine enge Kooperation der privaten Versicherungswirtschaft mit der öffentlichen Hand und schlägt eine obligatorische Deckungserweiterung der privaten Haushaltsversicherung mit risikodifferenzierter Prämie vor.
Zu ähnlichen Ergebnissen wie Dr. Prettenthaler kommt auch eine aktuelle Studie des WIFO - Wirtschaftsforschungsinstitutes im Auftrag des Versicherungsverbandes Österreich. Auch für die Autoren dieser Studie ist ein Nebeneinander staatlicher und privater Risikotransfermechanismen problematisch. Dies hat zur Folge, dass gefährdete Haushalte geringere Anstrengungen zur Schadenvermeidung unternehmen sowie unzureichend eigene finanzielle Vorsorge treffen. Die Lösung sehen die Experten des Wirtschaftsforschungsinstitutes gleichfalls in der Einrichtung von obligatorischen Versicherungen für Privathaushalte gegen Naturgefahren.
Oberösterreichische: Gesamtlösung anstelle von Prämienerhöhungen
Vorschlag einer "staatlich geförderten Katastrophenvorsorge"
"Laufende Prämienerhöhungen bis hin zur Unversicherbarkeit von gewissen Gebieten können und werden nicht unser Ziel sein. Wir streben eine Gesamtlösung an, bei der die ausreichende Hilfe für den Geschädigten ohne existenzbedrohender Eigenleistungen gesichert sein muss", gibt der Vorstand einer Gesamtlösung den klaren Vorrang gegenüber einer Weiterführung des bestehenden Modells.
Zentraler Ansatzpunkt für eine Gesamtlösung wäre für die Oberösterreichische, wie auch von den Wirtschaftsforschern gefordert, die Kopplung des Rechtsanspruches auf Leistung im Schadensfall an den Abschluss einer entsprechenden Versicherung. Der Katastrophenfonds könnte sich dann auf seinen ureigensten Zweck der Schadenprävention sowie der Schadenskompensation bei Extremschäden und bei nichtversicherbaren Schäden wie Infrastruktur zurückziehen.
Vorraussetzung für diesen Rechtsanspruch müsse aber ein ausreichend großes Versicherungskollektiv sein: "Wir unterstützen daher die Initiativen des Österreichischen Versicherungsverbandes, die alle einen gemeinsamen Nenner haben: Den Bürger vom Bittsteller zum Vertragspartner zu machen. Wir treten für einen Zusatzbaustein Naturkatastrophenbündel ein, der obligatorisch Bestandteil einer Feuerversicherung oder Haushaltsversicherung ist. Eine derartige Konstruktion kann über das Versicherungsvertragsgesetz geregelt werden", erläutert Dr. Weidl die Position der Oberösterreichischen.
Der Staat sollte aus Sicht des Vorstandes weiterhin miteingebunden sein und die notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen für eine enge Kooperation mit den Versicherungen setzen. Als einen möglichen Ansatz dazu könnte sich die Oberösterreichische auch das Konzept einer "staatlich geförderten Katastrophenvorsorge" vorstellen. Vorstandsdirektor Janovsky erklärt: "Ähnlich wie bei der staatlich geförderten Zukunftsvorsorge setzt der Staat einen entsprechenden finanziellen Anreiz für den Abschluss dieser Katastrophenbündelversicherung."
"Der österreichische Versicherungsverband hat eine Vielzahl an umsetzbaren Ansätzen gebracht. Wir sehen nun die Regierung gefordert, diese Modelle mit uns zu diskutieren und rasch zu einer Lösung zu kommen", ergänzt Dr. Weidl.
"Laut einer Studie des Marktforschers ACNielsen ist der Klimawandel für jeden zweiten Österreicher ein ernsthaftes Problem. "Als Keine Sorgen Versicherung fühlen wir uns verpflichtet, uns mit den Auswirkungen des Klimawandels auf das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung ernsthaft auseinander zu setzen, und Lösungen zu suchen, die für alle tragbar sind", betonen Dr. Weidl und sein Vorstandskollege Martin Janovsky.