21. 01. 2010 07:58

Elementarschadenprävention

Mit knapp 50 Mio. Euro Schadenssumme war die Hagelkatastrophe vom 23. Juli 2009 das bisher größte Schadenereignis in der Geschichte der Oberösterreichischen Versicherung. Österreichweit geht der VVO für die Sturm- und Hagelwetter dieser Nacht von rund 360 Mio. Euro Schadensleistungen aus. "Maßnahmen zur Elementarschaden-prävention könnten diese Schadensausmasse deutlich minimieren, zeigt Dr. Wolfgang Weidl, Generaldirektor der Oberösterreichischen Versicherung auf. Richtige Durchschlagskraft erhalten diese Bemühungen aber erst im Zusammenwirken mit Politik und Bauwirtschaft. "Ein Schulterschluss zwischen den Institutionen ist daher unbedingt notwendig!", fordert Dr. Weidl.

 

Nahezu jährlich eine große Naturkatastrophe
Schadensausmaße steigen überproportional an


Das Hagelunwetter vom 23. Juli 2009 reiht sich in eine lange Liste von Naturkatastrophen der letzten Jahre ein: Allein in den letzten zehn Jahren musste Österreich mit der Hagelkatastrophe im Jahr 2000, dem Jahrhunderthochwasser 2002, der Schneedruck-Katastrophe 2006, den Stürmen Kyrill, Paula und Emma in den Jahren 2007 und 2008 und der Hagel- und Sturmkatastrophe 2009 sieben große Naturkatastrophen verkraften. Nicht nur die steigende Häufigkeit, sondern vor allem die Intensität dieser Naturkatastrophen gibt zu denken. Die Schadenssummen steigen überproportional zu jeder neuen Naturkatastrophe an. Hochrechnungen für ganz Oberösterreich ergeben allein für Sturmschäden fast 695 Mio. Euro an Versicherungsleistungen seit 2000. Österreichweit liegen die Schadenssummen für den Zeitraum 2000 bis heute bei rund 2.120 Mio. Euro.

Die Extremwerte für Schnee und Regen werden laut Studien in ganz Österreich weiter zunehmen. Die damit verbundenen steigenden Katastrophenschäden stellen die gesamte Versicherungswirtschaft vor neue Herausforderungen. "Es ist dringender Handelsbedarf gegeben. Es zeigt sich schon jetzt deutlich, dass das derzeitige Versicherungsmodell weder für Versicherungen noch für die Bevölkerung langfristig tragbar sein wird", skizziert Dr. Weidl. Die Oberösterreichische Versicherung beschäftigt sich seit Jahren auf mehreren Ebenen mit Lösungsvorschlägen für eine nachhaltige Versicherbarkeit von Naturkatastrophen.

"Mit der Strategie der Elementarschadenprävention möchten wir nun ein Modell umsetzen, dass für alle Seiten - für die Versicherungsnehmer, die Politik, die Bauwirtschaft und für die Versicherungswirtschaft gleichermaßen - nachhaltig Vorteile bringt und bis zur Umsetzung der Naturkatastrophenversicherung auch im Sinne eines umfassenden Risikomanagements wichtige Vorarbeiten leisten kann", erklärt Dr. Weidl.


Elementarschadenprävention als nachhaltiges Modell
zur Aufrechterhaltung der Versicherbarkeit


Unter Elementarschadenprävention versteht man das Setzen von Maßnahmen, um Naturkatastrophenschäden zu vermindern bzw. gänzlich zu vermeiden. Als Vorbild für dieses Modell gilt die OÖ Brandverhütungsstelle, die vor 60 Jahren auf Initiative der Oberösterreichischen Versicherung und in Zusammenarbeit mit der Politik gegründet wurde. Damals befand sich Oberösterreich bei den Feuerschäden in einer ähnlichen Situation wie derzeit bei den Schäden aus Naturkatastrophen. Der intensiven Grundlagenforschung der Sachverständigen der Brandverhütungsstelle ist es zu verdanken, dass Feuerschäden mittlerweile sehr selten geworden sind. Durch die Erkenntnisse ihrer Arbeit ist die  Brandverhütungsstelle ein wichtiger Partner für Gesetzgeber und Verwaltung einerseits als auch für die Wirtschaft, die Planer und die Bevölkerung geworden.

"Eine ähnliche Entwicklung erhoffen wir uns auch für unsere Initiative der Elementarschaden-prävention, denn auch hier sehen wir einen enormen Aufholbedarf in der Grundlagenforschung und in der Umsetzung im Gesetz wie auch im baulichen Alltag", so Dr. Weidl.

In der Schweiz nimmt die Elementarschadenprävention schon seit vielen Jahren einen sehr hohen Stellenwert ein und die positiven Ergebnisse dienen international als Vorbild. Auch in der Schweiz entwickelte sich die Elementarschadenprävention aus dem Modell der Brandverhütung:

Elementarschadenprävention
Erfolgreiche Umsetzung in der Schweiz


Im Bereich Brandschutz hat die Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen (VKF) in der Schweiz den Sicherheitsstandard optimiert. Die VKF gilt heute als verlässliche Partnerin im Brandschutz. Nach diesem anerkannten Modell baut sie auch ihr Dienstleistungsspektrum in der Elementarschaden-Prävention laufend aus. Die Kantonalen Gebäudeversicherungen integrieren die Elementar-Schadenverhütung, die Schadenbekämpfung und die Schadenerledigung in ein System von "Sichern und Versichern". Die drei Aufgabenbereiche wirken positiv aufeinander ein. Gezielte Investitionen in die Prävention und die Bekämpfung der Schäden senken die Schadenkosten.

Ein wichtiges Element der Elementarschadenprävention ist die Ausarbeitung von konkreten Schutzmaßnahmen für alle Gebäude in der Schweiz. In den sogenannten Wegleitungen werden sämtliche in der Schweiz möglichen Naturgefahren aufgezeigt, ihre Auswirkungen auf Gebäude dargestellt und Maßnahmen zum Objektschutz und ihre Bemessung erläutert. "So findet sich in den Wegleitungen zum Beispiel eine genaue Beschreibung der Wirkung des Windes auf verschiedene Dachformen sowie die entsprechende Anleitung zur Bemessung der Windlast. Den Planern wird damit ein Instrument zur Verfügung gestellt, um individuell für jedes Haus das Gefährdungspotential von Naturkatastrophen zu erkennen und dies in ihrer Empfehlung für die Wahl der Baumaterialien einzubauen", erklärt Olivier Lateltin, Geschäftsbereichsleiter Elementarschaden-Prävention ESP der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen.

Die Wegleitungen geben den aktuellen Stand der Technik wieder und sind für Planungsspezialisten, Architekten, Ingenieure aber auch für die Behörden gleichermaßen eine ausführliche Grundlage für ihre Arbeit. Soeben erschienen sind zusätzlich fünf Broschüren für HauseigentümerInnen mit konkreten Schutztipps an Gebäude gegen einzelne Naturgefahren. Zusätzlich dazu bieten die Kantonalen Gebäudeversicherungen laufend Weiterbildungs-veranstaltungen an,  u. a. in Form von Nachdiplomstudien, um die Lücke in der Ausbildung der Architektur, des Bauingenieurswesens und der Gebäudetechnik zu schließen.

Neben den Wegleitungen wurde mit dem Schweizerischen Hagelschutzregister ein weiteres Projekt verwirklicht, dass Planern, Architekten und Bauherren als wichtige Entscheidungsgrundlage dient: Das Hagelregister gibt einen Überblick zum Hagelwiderstand üblicher Materialien der Gebäudehülle und zeigt die Auswirkungen auf den Baukörper bei verschieden starken Hagelschlag.

Sache der öffentlichen Hand bleibt es, mit einer entsprechenden Raumplanung und Flächenvorsorge von vornherein weitreichende Gefährdungen zu vermindern. Doch auch hier gibt es eine enge Zusammenarbeit mit der Versicherung: "Die Kantonalen Gebäudeversicherungen unterstützen die Kantone bei der Erarbeitung von Gefahrenkarten sowie im Baubewilligungsverfahren mit Stellungnahmen zu den Objektschutzmaßnahmen", erläutert der Risikomanager. Ähnlich dem österreichweiten Projekt HORA zur Zonierung der Hochwassergebiete, gibt es in der Schweiz Gefahrenkarten, die sämtliche Gefährdungen durch Naturkatastrophen gleichermaßen abbilden sowie detaillierte Auskünfte zur Gefahrenstufe und zur räumlichen Ausdehnung der Naturgefahren geben.

"Mittlerweile sind rund 60 % aller Gebiete in diesen Gefahrenkarten erfasst, bis 2011 sollen sie für ganz Schweiz vollständig vorliegen. In der Folge wird auch die Bevölkerung aktiv über die Ergebnisse der Gefahrenkarten und über mögliche Maßnahmen zum Selbstschutz informiert", skizziert Olivier Lateltin.

Mit 9 Mio. Franken über den Zeitrahmen von 2003 bis 2012 stehen den Kantonalen Versicherer im Rahmen einer Präventionsstiftung zusätzliche Mittel für die Förderung anwendungsorientierter Forschungs- und innovativer Umsetzungsprojekte - wie zum Beispiel der Entwicklung neuer erdbebensicherer Baumaterialien - zur Verfügung.


Neben der aktiven Elementarschadenprävention investiert die Schweiz auch in die Aufklärung über Maßnahmen nach Eintritt einer Naturkatastrophe. Mit finanziellen Beiträgen für die Ausrüstung, Interventionskarten und Schulungen erhalten die Feuerwehren laufend Unterstützung durch die Kantonalen Versicherer, um für den Ernstfall gerüstet zu sein. Für die  privaten Haushalte wurden Verhaltensregeln erstellt, wie sie selbst zur Vermeidung von größeren Schäden beitragen können.

Die hohe Bedeutung der Prävention drückt sich auch im öffentlichen und privaten Mittelaufwand der Schweiz für den Schutz vor Naturgefahren aus: Laut einer Erhebung der Nationalen Plattform Naturgefahren (Planat) nimmt die Elementarschadenprävention mit 45% nahezu die Hälfte des gesamten Mittel in Anspruch. "Die Schweizer verstehen dies als eine gut angelegte Investition in die Zukunft, um auch für die immer häufiger auftretenden großen Naturkatastrophen bestmöglich abgesichert zu sein", so Lateltin.

Kantonale Gebäudeversicherungen entscheiden
über den Einschluss  in die Naturkatastrophenversicherung


Im Rahmen der Baubewilligung erfolgt schließlich durch die Kantonalen Gebäudeversicherungen eine Gebäudeschätzung, auf deren Grundlage über den Einschluss in die Naturkatastrophenversicherung entschieden wird. In diesem Sinne gibt es in der Schweiz auch eine Kontrollinstanz für die tatsächliche Umsetzung der Maßnahmen zur Elementarschadenprävention.


Notwendige Schritte zur Umsetzung in Österreich:
Appell für Schulterschluss zwischen Politik, Planern,
Architekten, Ingenieuren und der Versicherungswirtschaft


Zum wesentlichen Unterschied zu Österreich verfügt die Schweiz über eine einheitliche, obligatorische, vollständige und solidarische Naturkatastrophenversicherung als staatliche Vorsorge für das Überleben, die gesetzlich geregelt von den Kantonalen Gebäudeversicherungen getragen wird. Die Kantonalen Gebäudeversicherungen erfassen 19 der 26 Kantone in der Schweiz und versichern damit ca. 2,16 Mio. Gebäude und verwalten ein Versicherungskapital von 2000 Milliarden Franken. Aus dieser Stellung heraus sind die Möglichkeiten des Einwirkens auf Maßnahmen der Elementarschadenprävention, aber auch ihrer Sanktionierung, wesentlich umfangreicher als in anderen Ländern.

"Um das Modell der Elementarschadenprävention in Österreich erfolgreich umsetzen zu können, müssen wir daher wesentlich stärker auf Aufklärung und Bewusstseinsbildung aufbauen", fasst Dr. Weidl zusammen.

Wie auch bei der Gründung der Brandverhütungsstelle möchte die Oberösterreichische Versicherung dabei wieder eine Vorreiterrolle einnehmen und die Elementarschadenprävention schon jetzt als integralen Bestandteil der Sachversicherungssparte vorsehen.

"Wir starten in den nächsten Monaten mit Beratungstagen zur Elementarschadenprävention in den Regionen. Auch in der persönlichen Beratung soll die Elementarschadenprävention im Vordergrund stehen. In weiterer Folge wird zukünftig auch die Prämiengestaltung stärker an Präventionsmaßnahmen geknüpft werden. Das heißt, es gibt finanzielle Vorteile für alle jene, die in ihr Haus investieren und dieses gegen Naturgefahren, die in ihrer Region häufig auftreten, bestmöglich absichern", nennt Dr. Weidl erste Maßnahmen seines Hauses.  

Eine Initiative zur Elementarschadenprävention starten auch die OÖ Versicherungen in Kooperation mit der Wirtschaftskammer OÖ: Die WKO und die OÖ Versicherungen suchen die besten Ideen oder Entwicklungen zur Verbesserung des Gebäudeschutzes und prämieren diese mit € 3.000,--.


Die Möglichkeiten der Versicherung sind aber eingeschränkt durch den Umstand, dass sich viele Bauherren und Sanierer erst nach der Planerstellung und dem Baubescheid für eine Versicherung des Eigenheimes entscheiden. "In einer Phase, in der es für bauliche Veränderungen meist schon zu spät ist. Die Elementarschadenprävention muss daher Teil der Bauplanung sein und dies kann nur im engen Zusammenwirken mit jenen Stellen sein, die für die Planung und die behördliche Freigabe zuständig sind", so Generaldirektor Dr. Weidl.

"Wir wünschen uns daher einen Schulterschluss der Politik und der Bauwirtschaft mit uns als Versicherer, um die Elementarschadenprävention stärker in das Bewusstsein der Bevölkerung zu tragen!", appelliert Dr. Weidl.

Profitieren würden letztlich alle Seiten davon,  ist Dr. Weidl überzeugt: "Für die Politik bedeutet es langfristig eine wesentliche Entlastung des Katastrophenfonds, für die Bauwirtschaft eine noch stärkere Besinnung auf qualitätsvolles Bauen und für die Privathaushalte würde eine umfassende Beratung zur Elementarschadenprävention schon in der Bauphase manchen späteren Großschaden vorbeugen helfen. Zusätzlich dazu können sie bei ihrer Versicherungsprämie sparen."

Neben der öffentlichen Aufklärung über die Elementarschadenprävention initiiert die Oberösterreichische nun auch erste Gespräche, um entsprechend dem Modell der Brandverhütungsstelle eine ähnliche Institution für die Elementarschadenprävention in Oberösterreich zu gründen.

"Ziel aller Bemühungen soll sein, dass Objekte künftig so beschaffen sind, dass sie Naturkatastrophen in unseren Breitengraden auch standhalten können", resümiert Dr. Weidl.



Naturkatastrophenversicherung:
Aktueller Stand einer österreichweiten Gesamtlösung


Die Elementarschadenprävention ist nur eine wichtige Säule zur nachhaltigen Versicherbarkeit von Naturkatastrophen. Denn ohne einem österreichweiten Naturkatastrophen-Versicherungsmodell bleibt das Grundproblem des fehlenden Versicherungskollektivs weiterhin gegeben. "Nur ein ausreichend großes Versicherungskollektiv sichert für alle ÖsterreicherInnen den Rechtsanspruch an Leistung im Schadensfall ohne existenzbedrohender Eigenleistungen und ohne der Notwendigkeit Bittsteller eines ohnehin überlasteten Katastrophenfonds zu werden", so Generaldirektor Dr. Wolfgang Weidl.  

Der österreichische Versicherungsverband hat bereits eine Vielzahl an umsetzbaren Ansätzen gebracht. Auch die Oberösterreichische Versicherung erarbeitete 2007 mit dem Vorschlag der "Staatlich geförderten Katastrophenvorsorge" ein eigenes österreichweites Gesamtmodell.

Diese Initiativen führten vor zwei Jahren zur Einrichtung einer Arbeitsgruppe mit Vertretern des österreichischen Versicherungsverbandes, des Bundesministeriums für Finanzen sowie des Lebensministeriums, die über die Umsetzung eines österreichweiten Naturkatastrophen-Versicherungsmodells verhandelt.

Eine im November 2009 erschienene Studie des Joanneum Research Forschungsgesellschaft mbH evaluierte das vorgeschlagene Modell der Versicherungswirtschaft und dient nun als Basis für intensivierte Verhandlungen in den kommenden Wochen und Monaten.

"Es freut uns sehr, dass unsere Initiativen zu einer österreichweiten Gesamtlösung mittlerweile ernsthaft diskutiert werden und eine rasche Lösung damit in Aussicht gestellt ist", zeigt sich Dr. Weidl zuversichtlich, dass die Naturkatastrophenversicherung in absehbarer Zeit Realität wird.


Rückfragen:

Mag. Katharina Gstöttenbauer/PR

05-7891-71-362

k.gstoettenbaueratooev.at