Versicherungsbedarf – 10 Fragen, die sich Versicherungsnehmer stellen sollten

Das Angebot an Versicherungen ist riesig. Entsprechend schwierig ist die Wahl der richtigen Versicherung. Welches Produkt richtig ist lässt sich nicht allgemeingültig sagen, da die Bedürfnisse und Lebensumstände des Einzelnen sehr unterschiedlich sind. Womit wir auch schon bei Frage Nr. 1 wären.

1. Wie sieht meine persönliche Lebenssituation aus und welche Risiken ergeben sich daraus?

Es ist ein Unterschied, ob Sie in einer Mietwohnung wohnen (Versicherung des Wohnungsinhalts) oder in einem Eigenheim (Versicherung des Gebäudes). Als Dachdecker ist Ihr Unfallrisiko wahrscheinlich höher als das Unfallrisiko eines Büroangestellten. Einen teuren Neuwagen werden Sie anders kaskoversichern als einen alten Gebrauchtwagen. Stehen Sie kurz vor der Pension ist das Thema Berufsunfähigkeit nicht sehr relevant.

2. Welche Risiken gefährden meine Existenz und welche Risiken bedeuten nur finanzielle Einbußen?
Versicherungsbedarf – Privathaftpflicht

Jeder, der einem anderen einen Schaden zufügt, ist schadenersatzpflichtig. Er haftet für den Schaden in unbegrenzter Höhe mit seinem gesamten Vermögen. Verursacht jemand, zum Beispiel beim Skifahren, einen Unfall, bei dem ein anderer so schwer verletzt wird, dass dieser dauerhaft invalid bleibt, können die Ansprüche des Geschädigten in die Millionenhöhe gehen. Selbst wenn ein Geschädigter nur einen Verdienstentgang oder Schmerzensgeld geltend macht, kann das teuer werden.

Deshalb zählt die private Haftpflichtversicherung zu jenen Versicherungen, die Sie unbedingt haben sollten. Häufig beinhaltet eine Haushaltsversicherung schon eine private Haftpflichtversicherung.

3. Wie ist mein Einkommen gesichert?
Versicherungsbedarf – Berufsunfähigkeit

Das Gesetz sieht zwar eine Absicherung für unselbständig Erwerbstätige vor. Allerdings ist dafür unter anderem eine bestimmte Mindestanzahl von Versicherungsmonaten notwendig. Gerade für Berufseinsteiger besteht die Gefahr, dass diese Mindestanzahl nicht erreicht wird. Vor dem 27. Geburtstag werden 6 Monate Versicherungszeit für die gesetzliche Absicherung benötigt. Mit dem 27. Geburtstag erhöht sich diese Mindestanzahl schlagartig auf das Zehnfache, also auf 60 Monate (= 5 Jahre) innerhalb der letzten 120 Kalendermonate (= 10 Jahre). Studenten sind bei einem späteren Berufseinstieg durch diese Regelung besonders gefährdet.

Details zum Thema Berufsunfähigkeit finden Sie in unserem Blog-Beitrag „Wartezeit bei Berufsunfähigkeit: Über Nacht die 10-fache Wartezeit“ oder auf www.help.gv.at.

4. Wie bin ich finanziell bei einem Unfall und möglicher Invalidität abgesichert?
Versicherungsbedarf – Unfallversicherung

Passiert ein Unfall in der Freizeit, sind zwar die Behandlungskosten durch die gesetzliche Krankenversicherung gedeckt, nicht aber Bergungskosten und etwaige Folgeschäden. Darüber hinaus erfolgt die gesetzliche Krankenbehandlung nur „ausreichend und zweckmäßig“. Das heißt, spezielle Behandlungen oder Heilbehelfe sind nicht abgedeckt. So zum Beispiel, wenn aufgrund von Verletzungen teure Therapien oder Umbauten im eigenen Heim notwendig sind. Oder wenn durch einen Unfall langfristig Einkommenseinbußen entstehen.

5. Muss ich eine Familie absichern?
Versicherungsbedarf – Familienunfallversicherung / Lebensversicherung

Mit einer Familie wächst auch die Verantwortung. Der Unfall eines Kindes kann für die Familie existenzielle Folgen nach sich ziehen. Denn auch für Kinder gilt, dass Unfälle in der Freizeit nicht durch die gesetzliche Unfallversicherung abgedeckt sind.

Gibt es in der Familie nur ein Einkommen, ist eine Absicherung in Form einer Risikolebensversicherung, die im Todesfall die finanziellen Folgen für die Hinterbliebenen abfedert, empfehlenswert. Gleiches gilt beim Bau eines Eigenheims.

6. Wie bin ich im Pflegefall finanziell abgesichert?
Versicherungsbedarf – Pflegeversicherung

Was Pflegebedürftigkeit bedeutet wird vom Bundespflegegeldgesetz Österreich definiert. Demnach ist man pflegebedürftig, wenn man regelmäßig Hilfe und Betreuung benötigt. Der Bedarf besteht aufgrund von Sinnesbehinderungen sowie Behinderungen körperlicher, psychischer und geistiger Art. Die Ursachen für die Pflegebedürftigkeit können unterschiedlich sein: ein Unfall, chronische Erkrankungen oder einfach das Alter. So oder so, Pflege kostet Geld. Die staatlichen Leistungen hängen von der jeweiligen Pflegestufe ab und reichen von 157,30 € monatlich für Pflegestufe 1 bis 1.688,90 € monatlich für Pflegestufe 7. Die tatsächlich mit der Pflege verbundenen Kosten werden durch die staatliche Hilfe in der Regel nicht zur Gänze abgedeckt. Können die verbleibenden Kosten nicht durch verwertbares Vermögen gedeckt werden, kommt meist der Sozialhilfeträger für den Restbetrag auf. Dieser versucht aber bei nahen Angehörigen (Ausnahme: Kinder) Regress zu holen. Um vorzubeugen kann eine Pflegeversicherung hilfreich sein.

7. Welchen Lebensstandard möchte ich in der Pension haben?
Versicherungsbedarf – private Rentenversicherung

2014 wurde in Österreich das Pensionskonto eingeführt. Jeder ab 1955 Geborene kann die aktuelle Kontogutschrift für die Pension auf einen Blick aus dem Pensionskonto ablesen – und erlebt dabei unter Umständen eine böse Überraschung. Die Differenz zwischen Gehalt und staatlicher Pension ist teilweise extrem hoch. Der Rückgang der Geburtenziffern und die höhere Lebenserwartung haben die Töpfe des Sozialsystems schrumpfen lassen. Besonders für jene mit schwankendem Verdienst, Teilzeitangestellte oder Wiedereinsteigerinnen in den Beruf wirkt sich das neue System zur Rentenberechnung negativ aus.

Mit einer privaten Rentenversicherung können Sie die mögliche Lücke, die sich zwischen der staatlichen Leistung und Ihrem gewohnten Lebensstandard ergibt, schließen oder zumindest verringern. Als Faustregel gilt, je früher Sie einsteigen desto höher wird die Zusatzpension sein.

8. Welche Risiken sind über Mitgliedschaften (z. B. Alpenverein, ÖAMTC) oder eine Kreditkarte abgesichert?
Versicherungsbedarf – Reiseversicherung

Als Mitglied des österreichischen Alpenvereins genießen Sie zum Beispiel Versicherungsschutz für Bergungskosten oder Rückhol- und Überführungskosten. Kreditkarten wie die Master- oder VisaCard bieten häufig Reiseversicherungspakete. Allerdings empfiehlt sich ein genauer Blick auf die Versicherungsbedingungen, ob für einen vollständigen Versicherungsschutz nicht  Mindestumsätze mit der Karte erforderlich sind.

Manche Versicherungen können sich auch überschneiden, zum Beispiel Unfall- und Pflegeversicherung oder Rechtschutz- und Haftpflichtversicherung. Auch das sollte man im Auge behalten.

Darüber hinaus können Partner mit einem gemeinsamen Wohnsitz oft mitversichert werden (private Haftpflicht).

9. Ist mein Versicherungsschutz noch aktuell?
Stichwort Unterversicherung

Die eigenen Haushaltsgegenstände über eine Haushaltsversicherung zu versichern ist sinnvoll. Häufig vergisst man allerdings im Laufe der Zeit, neue Anschaffungen wie Fernseher, Computer oder sonstige Ausstattung in die Versicherungssumme einzubeziehen. Im Schadensfall kann so eine Unterversicherung vorliegen. Das heißt, dass die vereinbarte Versicherungssumme niedriger als der Wert der beschädigten Sache ist. Ist dies der Fall, wird der Schaden nur nach dem Verhältnis der Versicherungssumme zum tatsächlichen Wert ersetzt.

Beispiel:
Der tatsächliche Wert des Wohnungsinhalts beträgt 80.000,- €. Als Versicherungssumme werden jedoch nur 60.000,- € vereinbart (= 75 %). Bei einem Brand entsteht ein Sachschaden in Höhe von 40.000,- €. Da der Anteil der Versicherungssumme zum tatsächlichen Wert nur
75 % beträgt, erhält der Versicherungsnehmer demnach  nicht die gesamte Schadenssumme von 40.000,- €, sondern nur 75 % davon, also 30.000,- € ersetzt.

10. Welche Versicherungen sind unbedingt erforderlich, welche wären noch überlegenswert?

Vereinfacht gesagt, je höher die Gefahr ist, dass ein Ereignis (zum Beispiel ein Unfall, eine Schadenersatzforderung oder der Verlust der Arbeitsfähigkeit) die Existenz gefährdet, desto wichtiger ist eine Versicherung.

Bei Themen wie Reisegepäckversicherung, Reparatur-Versicherung, Tier-Krankenversicherung, Zahnversicherung, Handy- oder Laptop-Policen kann sicher nicht von Existenzbedrohung die Rede sein. Ob sich eine Versicherung in diesen Fällen auszahlt, kann man sich überlegen.

Generell empfehlenswert

Eine Analyse der Lebenssituation bringt Klarheit über den Versicherungsbedarf. Dabei können einerseits Online-Tools wie der Keine Sorgen Check der Oberösterreichischen Versicherung oder der Bedarfsermittler des VKI, die Arbeiterkammer oder der Versicherungs-Check der Stiftung Warentest helfen. Andererseits ist die persönliche Beratung durch einen Fachmann sehr hilfreich, weil er aufgrund seiner Erfahrung auch ganz gezielt auf Risiken eingehen kann.

Redaktion Keine Sorgen Blog/ Autor: Heike Peuser