Oberösterreichische Versicherung
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Karriere: Frauen in der Versicherungsbranche

Nicht nur in Versicherungen sind Führungspositionen Großteils männlich besetzt. Aber die Strukturen verändern sich langsam. Nach 210 Jahren Unternehmensgeschichte ist nun mit Mag. Kathrin Kühtreiber-Leitner die erste Frau Mitglied des Vorstands der Oberösterreichischen Versicherung. Was denkt sie und drei andere erfolgreiche Frauen der Oberösterreichischen über Karriere und Frauen in Führungspositionen. Ein Bericht über Ambitionen, Chancen und Arbeitsalltag.

Von den Top 25 Versicherungen in Österreich haben derzeit nur acht Gesellschaften weibliche Vorstandsmitglieder. Dieses Bild deckt sich mit dem Frauen Management Report der Arbeiterkammer Wien. Danach wirkt zwar die seit 2018 in Österreich gesetzlich geregelte Quote für Frauen in Aufsichtsräten von börsenotierten Unternehmen (mind. 30 %). Allerdings haben in Vorständen und der Geschäftsführung immer noch weit mehr Männer das Sagen.

Da ist noch viel Luft nach oben, sollte man meinen. Aber wollen Frauen unbedingt in die Chefetagen? Auch im Außendienst dominieren die Männer. Wie geht es den Kolleginnen und Müttern in dieser Männerdomäne? Wo sehen sie ihre Chancen?

Kathrin Kühtreiber

Mag. Kathrin Kühtreiber-Leitner, Mitglied des Vorstands

Wie geht es dir als erster Frau im Vorstand der Oberösterreichischen Versicherung? Genugtuung oder Herausforderung in einem doch von Männern dominierten Haus?

Die Frage stellt sich mir gar nicht. In diversen Führungspositionen in der Wirtschaftskammer war ich mit 28 Jahren die erste Frau. Auch als Bürgermeisterin von Hagenberg war ich die jüngste Frau in dem Amt. In meiner beruflichen Laufbahn hat es bisher wenig Situationen gegeben, in denen ich gedacht habe, daran müssen sich Männer erst noch gewöhnen.

Die Zahl der weiblichen Führungskräfte in der Oberösterreichischen ist mit sieben Frauen sehr überschaubar. Möchtest du das ändern? Spielt die Geschlechterfrage bei Führungsaufgaben überhaupt eine Rolle für dich?

Nein, die Geschlechterfrage spielt keine Rolle. Im Gegenteil, die Diskussion darum sollten wir nicht so in den Vordergrund stellen. Wichtig ist, dass jemand die richtige Person für den Job ist. Es kommt darauf an, wie jemand „gestrickt“ ist. Wie gut die Person kommunizieren und Botschaften vermitteln kann. Führungskräfte müssen Menschen führen können und ihre Potenziale erkennen.

„Rollenbilder“

Stereotype, d. h. die gängigen Vorstellungen von der Geschlechterrolle, machen nicht nur weiblichen Führungskräften das Leben schwer. Mona Salwender und Christiane Schöl haben sich an der Universität Mannheim mit Karriere und Führungspositionen beschäftigt. Als typische Eigenschaft einer Führungskraft wird häufig Dominanz gesehen. Das gilt wiederum eher als männliche Eigenschaft. Zeigen weibliche Führungskräfte dominantes Verhalten, widersprechen sie damit dem gängigen Frauenbild. Akzeptanzprobleme sind häufig die Folge.

Du hast eine erwachsene Tochter. Hättest du dir früher bei der Kinderbetreuung Unterstützung vom Arbeitgeber oder dem Gesetzgeber gewünscht?

Bei der Erziehung habe ich von meinem Familiennetzwerk profitiert. Ohne ein Netzwerk von Familie und Freunden geht es nicht. Als ich die Geschäftsführerin von Frau in der Wirtschaft geworden bin, hieß es „Wenn du ein Kind bekommst, bist du weg.“ Das ist heute nicht mehr unbedingt so. Ausschlaggebend ist sicher die persönliche Lebenssituation. Wenn ich mir etwas wünschen würde, dann vielleicht ein Tagesmuttersystem. Ich lege viel Wert darauf, dass Kinder im persönlichen Umfeld betreut werden. Dass sie nicht ständig herausgerissen werden, weil sie irgendwohin gebracht und wieder abgeholt werden. Ich muss der Person, die auf mein Kind aufpasst, voll vertrauen können. Frauen haben oft ein schlechtes Gewissen. Sie wollen einerseits den Job perfekt machen und andererseits 100-prozentig für die Familie da sein. Dieses Dilemma können weder Gesetzgeber noch Arbeitgeber lösen.

Du hast fünf Jahre lang den Außendienst geleitet, der eine ziemliche Männerwirtschaft ist. Gerade einmal rund fünf Prozent unseres angestellten Außendienstes sind weiblich. Ist der Außendienst abschreckend für Frauen?

Am ehesten abschreckend für Frauen ist meiner Meinung nach das Provisionssystem. Frauen scheinen doch mehr auf Sicherheit zu setzen und fühlen sich mit einem Fixgehalt wohler. Ein Thema mag auch die Arbeit am Abend sein. Gerade im Vertrieb erwischt man seine Kunden oft erst nach den „normalen“ Dienstzeiten.

Katrin Hartl

Dr. Katrin Hartl, Bereichsleiterin Personal/Compliance/ Recht

Wie siehst du als Personalchefin die Verteilung der Führungsaufgaben auf Frauen und Männer bei der Oberösterreichischen? Trauen Frauen sich zu wenig?

Das scheint tatsächlich so zu sein. Das merke ich zum Beispiel bei Bewerbungsgesprächen. Wenn ich junge Bewerber frage, wo sie sich in fünf Jahren sehen, können sich viele eine Führungsposition vorstellen. Das ist bei den Bewerberinnen nicht unbedingt so. Da spielt oft das Zutrauen eine Rolle, aber auch die Familie.

Ich würde gerne Führungspositionen mit Frauen besetzen, allerdings gibt es einfach zu wenige Bewerberinnen. Jedenfalls versuchen wir als Oberösterreichische Perspektiven für Frauen aufzuzeigen.

Bei der Oberösterreichischen herrscht beinahe eine klassische Aufgabenverteilung. Im Marketing und Assistenzbereich arbeiten überwiegend Frauen, im Außendienst und der IT überwiegend Männer. Wird sich das in Zukunft ändern?

So schnell wird sich das wahrscheinlich nicht ändern, weil die Rollenbilder sich nicht so schnell ändern. Und die sind noch ziemlich traditionell. Was Frauen im Außendienst angeht, ist oft das flexible Gehalt ein Grund, warum sie keine klassische Vertriebskarriere ins Auge fassen. Das Sicherheitsdenken ist bei ihnen ausgeprägter.

Durch Corona ist das Arbeiten im Homeoffice populärer geworden. Ist das für Frauen eine organisatorische Erleichterung oder mehr Druck, weil sie greifbarer für die Familie sind?

Je nach persönlicher Situation kann das Homeoffice für Frauen eher eine Belastung sein. Wenn sie nämlich arbeiten und sich parallel um Kindererziehung, Homeschooling und Haushalt kümmern sollen. Ich selber habe das Glück, dass meine Eltern mich sehr unterstützen. Wenn sie sich um meine beiden Sohne kümmern, habe ich im Homeoffice Ruhe. Das nutze ich zum Beispiel für konzeptionelle Dinge.

„Homeoffice“

Was nach einer guten Lösung in der Pandemie klingt, ist für Frauen oft mehr Belastung als Hilfe. Hier wirft die Coronakrise alle Bemühungen um die Emanzipation um Jahre zurück. Alte Rollenbilder lassen grüßen, wie eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsunternehmens Ipsos zeigt.

Man unterstellt Frauen, dass sie weniger netzwerken als Männer. Wie vernetzt bist du mit weiblichen Führungskräften in der Branche?

Ich würde gerne netzwerken, aber es gibt so wenig weibliche Führungskräfte zum Vernetzen. Über die Gesellschaft für Versicherungsfachwissen bemüht sich die Branche aber verstärkt, Netzwerktreffen zu organisieren. Grundsätzlich würde ich sagen, dass ich gut vernetzt bin.

Andrea Thallinger

Andrea Thallinger, Kundenberaterin, Gmunden

Als Mutter von Drillingen (14 Jahre) kann ich mir Ihren Alltag sehr turbulent vorstellen. Trotzdem sind Sie voll berufstätig im Außendienst. Wie geht es Ihnen damit?

Voraussetzung ist eine gute Organisation. Da bilde ich mit meinem Mann ein super Team. Das waren wir auch schon, bevor die Kinder gekommen sind. Wir arbeiten mit einem Wochenplan, sodass wir alles gut aufteilen und koordinieren können. Wichtig war mir beim Einstieg in die Oberösterreichische, dass mein Beruf nicht zu Lasten der Kinder geht. Wenn mich jemand fragt, wie ich Beruf und Familie unter einen Hut bekomme, muss ich immer meinen Mann dazu nennen. Es ist nicht allein mein Verdienst, das alles so gut funktioniert.

„Chancengleichheit“

Es gibt viele Stellen innerhalb der Europäischen Union, die sich mit der Gleichstellung von Mann und Frau befassen. Geht es um die Chancengleichheit im Beruf, ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein zentrales Thema. Mein Eindruck durch das Gespräch mit den Kolleginnen – Chancengleichheit im Beruf gibt es nur, wenn es Chancengleichheit im privaten Umfeld gibt. Solange Kindererziehung und Haushalt zu 90 % Frauensache sind, laufen viele Angebote von Arbeitgebern ins Leere. Dennoch sind Gesetzgeber und Arbeitgeber gefordert. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat eine Reihe von Vorschlägen erarbeitet, die die Lage der Frauen verbessern würden.

Sie bilden mit Ihrem Mann, der auch im Außendienst der Oberösterreichischen arbeitet, eine Arbeitsgemeinschaft. Wie funktioniert die Arbeitsteilung. Haben Sie verschiedene Schwerpunkte?

Jeder von uns hat seine Kunden. Da gibt es keine thematischen Schwerpunkte oder Lieblingsthemen. Aber natürlich kennen meine Kunden meinen Mann und umgekehrt. So können wir auch einmal für den anderen einspringen, zum Beispiel im Krankheitsfall.

Es gibt wenige Kundenberaterinnen bei der Oberösterreichischen. Tauschen Sie sich aus oder kämpft jede für sich?

Der Austausch funktioniert bei uns im gesamten Team. Da spielt das Geschlecht keine Rolle. Natürlich trinken wir unter den Kolleginnen auch mal einen Kaffee miteinander und reden dann eher über private Themen.

Wie sieht Ihre Karriereplanung aus? Geht sie bis zur Direktorin im Außendienst?

Soweit habe ich noch nicht geplant. Ich bin sehr ehrgeizig und setze mir jedes Jahr selber Ziele, die ich erreichen möchte. Das ist mir wichtig. Aber es gibt auch viele Dinge, die von außen einwirken und auf die ich keinen Einfluss habe. Wenn sich etwas ergibt, sage ich allerdings nicht nein. Wichtig sind mir meine Kinder. Solange sie mich brauchen, nehme ich Rücksicht auf sie – auch bei der Karriere.

Haben Frauen die gleichen Chancen wie Männer?

Wenn du als Frau motiviert bist, wirst du erfolgreich sein.

Melanie Leitner

Melanie Leitner, Kundenberaterin, Traun

Sie haben 2013 Ihre Karriere bei der Oberösterreichischen als Trainee begonnen. Warum haben Sie sich für den Berufseinstieg als Trainee entschieden?

Neben der Schule habe ich immer schon gekellnert. Dabei habe ich gemerkt, dass mir der Kontakt mit Menschen sehr viel Spaß macht und ich gut mit Menschen umgehen kann. Außerdem war mir das Studium der Wirtschaftswissenschaften zu theoretisch. Als ich dann eine Anzeige von der Oberösterreichischen Versicherung gesehen habe, habe ich mich beworben. In der Praxis habe ich viel gelernt und viel Unterstützung von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen bekommen.

Sie haben einmal gesagt, dass Ihre Berufswahl auch damit zu tun hat, dass Frauen im Verkauf genauso gut verdienen können wie Männer. Wie sieht es sonst so mit der Gleichberechtigung aus (z. B. Beförderungen)? Müssen Frauen sich mehr anstrengen, um dasselbe zu erreichen?

Bei der Oberösterreichischen sind wir auch in dieser Beziehung gleichberechtigt. Wenn man seine Ziele erfüllt, dann steigt man auch auf. Da zählt Leistungsbereitschaft, Ehrgeiz und Wille. Ich denke aber, dass in der Beziehung bei anderen Unternehmen noch Nachholbedarf besteht.
Allerdings war es beim Einstieg nicht ganz so leicht. Als „Frischgefangte“ bei Kunden oder im Kollegenkreis trifft man schon auf Skepsis. Es hat ungefähr ein Jahr gedauert, bis ich voll anerkannt war.

Die Oberösterreichische hat seit Kurzem die erste Frau im Vorstand, die auch noch den Vertrieb leitet. Ist das ein besonderer Ansporn? Oder sind die Vorbilder im Verkauf doch noch die in der Regel männlichen „Topseller“?

Mein größtes Vorbild und gleichzeitig Mentor war Kurt Reisetbauer, der sich bis zum Direktor im Außendienst hochgearbeitet hat. Von ihm habe ich viel gelernt. Ein Mann mit Mut zur lauten Meinung, aber eben auch hoher Leistungsbereitschaft und viel Erfahrung. Ich bin jetzt Oberinspektorin, da ist also für mich noch Luft nach oben.

„Vorbilder“

Wir alle suchen in irgendeiner Form nach Orientierung, haben Vorbilder oder Mentoren. Für Désirée Jonek, Gründerin einer Mentoring-Plattform für Frauen (womentor.at), ist die Förderung unabhängig vom Geschlecht wichtig. Niemand soll ausgeschlossen werden, weil ihrer Meinung nach genau deshalb die Gleichberechtigung nach wie vor nicht erreicht ist. „Wie wollen keines dieser Frauen-für-Frauen-Projekte sein, ganz im Gegenteil. Auch Männer können sich bei uns als Mentoren melden.“

Was würden Sie sagen, unterscheidet sich „weibliche“ Kundenberatung von der „männlichen“? Gibt es andere Schwerpunkte, andere Themen, über die Sie mit Ihren Kunden sprechen?

Das kann schon sein. Bei meinen Kundinnen, darunter auch alleinerziehende Mütter, spielt häufig das Thema Krankenversicherung und Absicherung der Kinder und der Wohnung eine Rolle. Und ich merke, dass Frauen mich ihren Freundinnen weiterempfehlen. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass Frauen einfühlsamer sind. Empathie ist beim Verkauf sehr wichtig.

Fazit

Frauen machen Karriere und erobern Führungspositionen - langsam aber sicher. Sobald Frauen Mütter werden, hängt ihr berufliches Weiterkommen zu beinahe 100 Prozent vom persönlichen Umfeld ab. Solange es hier keine wahre Gleichstellung zwischen Frau und Mann gibt, folgen Frauen in den meisten Fällen dem traditionellen Rollenbild: Die Mutter kümmert sich um die Kinder. Die Kinder stehen an erster Stelle. Natürlich gibt es Angebote für die Kinderbetreuung vom Gesetzgeber und den Arbeitgebern. Diese Angebote sind allerdings noch ziemlich ausbaufähig. Hilfreich ist die gesetzliche Frauenquote für Aufsichtsräte. Das mag man kritisch sehen. Zumal in Österreichs top 50 börsenotierten Unternehmen auch 2020 der Frauenanteil in Aufsichtsräten nur bei 26,1 % lag. Der Frauenanteil in Vorstandspositionen lag sogar nur bei 8,9 %. Dennoch erzeugt die Quote einen gewissen Druck. Vielleicht auch auf Frauen, mehr Chancen wahrzunehmen.